Am 10. März 2021 ist der Equal Pay Day, der symbolisch den Entgeltunterschied zwischen Männern und Frauen markiert. Nicole Börner, 2021 Vorsitzende des AK Menschenrechte und Vielfalt der Liga, kommentiert den geschlechterspezifischen Lohnunterschied und blickt dabei auf die sozialen Berufe.

Symbolbild: Auf den Rückenlehnen von aufgereihten Stühlen ist das Logo des Equal Pay Day zu sehen. (Foto: Inga Haar)

Eine Frau verdient weniger als ein Mann. Betrachtet man das Gehaltsgefüge in Deutschland, ist dieser Satz bis heute noch als sachliche Feststellung richtig. Wenig Fortschritt, will man meinen. Positiv ist zumindest anzumerken, dass der Eingangssatz als Meinung verstanden heute weniger anzutreffen ist als es sicher noch vor 50 Jahren der Fall war. „Eine Frau hat weniger Anerkennung, Wertschätzung oder Bezahlung verdient als ein Mann“, kommt heute glücklicherweise kaum noch jemandem über die Lippen.

Die Gleichberechtigung der Geschlechter hinsichtlich der Entlohnung beruflicher Tätigkeit sowie die Rolle von Frauen in Führungspositionen sind heute keine Nischenthemen mehr. Das ist nicht nur gut so, sondern mehr als überfällig. Gerade die Wohlfahrtspflege blickt auf einen langen Weg im Kampf um Anerkennung der unter ihrem Dach versammelten Arbeitsfelder zurück. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass diese Tätigkeiten lange Zeit als typische Frauenberufe verstanden wurden. Das spiegelt sich bis heute in deren Entlohnung wider.

Nun mögen die Kritiker*innen einwerfen: Pflegen, Kinder betreuen, Wohnungslose versorgen, gewalterfahrene Menschen beraten etc. - das kann doch jede*r. Jene, die den Eingangssatz auch heute noch als Meinung vertreten, legen vielleicht noch nach: „Und Frauen können das von Natur aus halt besser.“ Und überhaupt könne man Entgelte unterschiedlicher Berufe gar nicht so einfach miteinander vergleichen.

Ein bloßer Vergleich ist wirklich schwer und wäre auch unsachlich. Dafür sind die Berufs- und Tätigkeitsfelder der Erwerbsarbeit zu komplex. Wer gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordert, tut dies in der Regel jedoch nicht aus ideologischen Gründen. Schaut man auf Verdienstmöglichkeiten, wird schnell deutlich, dass frauendominierte Branchen oft schlechter dastehen als Berufszweige, die überwiegend oder gleichermaßen von Männern ausgeübt werden. Die Hans-Böckler-Stiftung hat dies mit ihrem Modell des „Comparable Worth-Index“ (CW-Index) gut dargestellt, indem sie Berufe mit gleichwertigem Anforderungs- und Belastungsprofil identifizierte. So entsprechen beispielsweise die Anforderungen nichtakademischer, sozialpflegerischer Berufe etwa jenen von Fachkräften für Datenbanken und Netzwerke. Das Anforderungsprofil von Jurist*innen ist jenem von Erzieher*innen vergleichbar.

Überrascht? Es ist wohl für viele leicht zu verstehen, dass die Einrichtung eines Computernetzwerkes hochspezialisiertes Wissen voraussetzt und sich dies auch im Gehalt niederschlägt. Auch dass Jurist*innen vergleichsweise gut entlohnt werden, ist kein Geheimnis. Diese ganzen Gesetze können nur Spezialist*innen überblicken. Aber Kindererziehung und Senior*innenbetreuung, das können doch alle, oder?

Dass soziale Tätigkeiten neben der fachlichen Ausbildung ein hohes Maß an Verantwortung für das Wohlergehen und die Entwicklung von Menschen fordern, dass sie oft körperlich und emotional herausfordernd sind, dass die Arbeitszeiten teilweise fernab einer geregelten Bürotätigkeit sind, wird in der öffentlichen Wahrnehmung aber gerne ausgeblendet.

Trotz eines sich wandelnden Rollenverständnisses zwischen Männern und Frauen arbeiten Frauen noch immer viel häufiger in sozialen oder pflegerischen Berufen. Sie nehmen damit in Kauf, langfristig schlechter zu verdienen und geringere Aufstiegschancen zu besitzen als Berufstätige in Branchen mit vergleichbarem Anforderungsprofil. Ganz zu schweigen von langfristigen Folgekosten wie einer niedrigeren Rente oder von  monetärer Abhängigkeit vom besserverdienenden Partner. Das können auch Einmalprämien nicht ausgleichen, die es beispielsweise im Zuge der Corona-Pandemie für einige mit dem Prädikat „systemrelevant“ geadelten „Frauenberufe“ gab.

Dass Frauen soziale Berufe häufiger wählen, ist eine Tatsache. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Dass sie allein durch diese Entscheidung vergleichsweise weniger verdienen, ist ungerecht und es trifft sämtliche in den betroffenen Branchen arbeitenden Menschen gleichermaßen.

Die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen betont daher in ihrer kürzlich veröffentlichen Position zur Geschlechtergerechten Entlohnung, „dass alle erwerbstätigen Menschen in der Lage sein müssen, mittels eigenem Einkommen ihr Leben frei und würdevoll zu gestalten sowie eine auskömmliche Rente zu erarbeiten. … Politik und Gesellschaft tragen Verantwortung, gerechte und wertschätzende Entlohnung in allen Branchen zu erreichen.“

Die Position der Liga lesen Sie auf: www.liga-sachsen.de


Mehr Informationen zum Equal Pay Day finden Sie auf: www.equalpayday.de